Denke wie ein Tragwerksplaner
Wie du aus einem Plan ein Urteil machst
Ein Plan reicht nicht
So, du hast also einen Plan. Ein Vorhaben. Eine Idee, aus der ein eigenes Einkommen werden soll.
Das fühlt sich vielleicht gut an, weil das Ziel so attraktiv ist. Finanzielle Eigenständigkeit. Raus aus dem 9-to-5. Mehr Freiheit. Mehr Potenzial.
Und doch ist da dieser Zweifel. Was, wenn es nicht zündet? Was, wenn niemand kauft? Was, wenn du Monate investierst und am Ende nur gelernt hast, dass du dich geirrt hast?
Du kannst dir das Ziel vorstellen. Aber du kannst nicht sauber begründen, warum der Weg dorthin realistisch ist. Darum zögerst du.
Zögern ist in dieser Lage kein Charakterfehler. Es ist ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass dir etwas fehlt, das du gerade dringend brauchst. Eine belastbare Beurteilung.
Und weil du nicht weißt, wie du diese Fragen, die der Grund deines Zweifels sind, beantworten sollst, löst du dieses Problem nicht, sondern umgehst es.
Du sammelst Informationen. Du suchst nach Vorbildern. Du analysierst die Konkurrenz. Du schraubst an Tools, Branding, Setup. Du schaust auf die Ergebnisse anderer und leitest daraus ab, was „funktioniert“. Du kopierst Muster, weil Muster Sicherheit versprechen. Du suchst nach dem richtigen Kanal, dem richtigen Angebot, der richtigen Nische, der richtigen Taktik.
Das Problem ist nur: Ergebnisse sind keine Begründung. Taktiken nehmen dir die entscheidende Prüfung nicht ab. Sie können dir Sichtbarkeit geben. Sie können dir Tempo geben. Sie können dir ein besseres Gefühl geben. Aber sie können dir nicht zeigen, ob du in die richtige Richtung läufst.
Du siehst zwar, dass jemand erfolgreich ist. Du siehst aber nicht, welche Voraussetzungen dafür stimmen mussten. Du siehst nicht, wo Lasten reduziert wurden, bevor sie teuer waren. Du siehst nicht, welche Risiken das hat. Du siehst nicht, was bei dir anders ist. Zeitbudget, Kostenstruktur, Zugang zu Nachfrage, Vertriebsweg.
Du kennst zwei Modi. Entweder du machst, dann fühlt es sich produktiv an, weil es nach Fortschritt aussieht. Oder du zweifelst. Dann kommt das Zögern wieder und du fühlst dich blockiert.
Ich weiß genau, wie das aussieht. Ich war selbst dort. Und ich habe das in Folge hunderte Male bei anderen gesehen. Das ist Normalzustand. Status quo.
Der Grund für diesen Zustand ist banal: Du weißt nicht, wie man diese Frage angeht.
Das Muster sehen
Ich beantworte dir diese Frage hier nicht direkt. Stattdessen möchte ich dir einen Rahmen, ein Muster geben, mit dem du sie beantworten kannst.
Das ist hilfreich, weil du dann unterscheiden kannst, was gerade nur Arbeit und was tatsächlich Prüfung ist. Dein Machen bekommt Richtung. Dein Zweifeln bekommt eine Form.
Die Frage, ob dein Vorhaben das halten kann, was du dir davon versprichst, lässt sich präziser so formulieren: Ist dein Projekt strukturell tragfähig oder ist es das nicht?
Strukturell tragfähig bedeutet, dass die grundlegenden Bauteile, aus denen es besteht, auch unter Belastung funktionieren. Nicht nur in deiner Vorstellung. Nicht nur bei gutem Wetter. Nicht nur, wenn du gerade besonders motiviert bist.
Und hier ist ein Vergleich aus dem Baugewerbe hilfreich.
Wenn ein Gebäude geplant wird, entscheidet niemand auf Basis einer schönen Idee oder eines Fotos, ob es stehen bleibt. Es gibt eine Rolle, deren Aufgabe genau das ist: Tragfähigkeit beurteilen, bevor gebaut wird. Der Tragwerksplaner.
Wie ein Tragwerksplaner arbeitet
Ein Tragwerksplaner arbeitet nicht mit Hoffnungen. Er arbeitet mit Angaben.
Er muss zuerst alles Relevante aufnehmen, sonst kann er gar nichts prüfen. Wofür soll das Gebäude genutzt werden? Welche Abmessungen und welche Geometrie sind geplant? Welche Materialien und Querschnitte sind vorgesehen? Welche Bauteile sollen die Lasten tragen, und sind die entscheidenden Details überhaupt definiert?
Erst wenn diese Angaben da sind, kann er beurteilen, ob das geplante Gebäude trägt. Es reicht nicht, grob zu wissen, dass es „ein Gartenhaus“ werden soll. Ein Carport ist kein Hochhaus. Ein Fachwerkhaus ist keine Fabrikhalle. Unterschiedliche Nutzung, unterschiedliche Lasten, unterschiedliche Risiken, andere Nachweise.
Dann tut er das Entscheidende. Er setzt Belastungen an. Standardisierte Lastfälle, die nicht davon abhängen, ob jemand an das Projekt glaubt. Eigengewicht, Nutzlast, Wind, Schnee. Und er prüft, ob die Dimensionierung auch unter ungünstigen Kombinationen standhält.
Am Ende gibt er einen Bericht ab. Entweder gibt es eine Freigabe. Oder es gibt konkrete Nachbesserungsforderungen. Oder es gibt die Aussage, dass eine Beurteilung noch nicht möglich ist, weil Angaben fehlen.
Wenn du wissen willst, ob dein Vorhaben eine Chance hat, musst du genau so denken.
Die Übersetzung in dein Vorhaben
Das Vorgehen in Bezug auf die Frage nach der Tragfähigkeit eines konkreten Geschäftsmodells sieht nicht viel anders aus als das Vorgehen in Bezug auf die Tragfähigkeit eines Gebäudeentwurfs.
Du musst dein Vorhaben zuerst so zerlegen und beschreiben, dass die tragenden Bauteile sichtbar werden und die relevanten Annahmen in ausreichender Klarheit dastehen. Nachfrage, Preis, Kosten, Zeit, Umsetzbarkeit im Alltag, Risiko.
Das ist nicht leicht. Du darfst dir hier keine Illusionen machen. Ein Tragwerkspaner bekommt vielleicht einen hundertseitigen Entwurf vom Architekten und er muss in der Lage sein, die für seine Arbeit relevanten Bauteile zu isolieren. Er muss wissen, wie man diese richtig beschreibt, und ob die Angaben, die er hat, vollständig sind.
Das ist bei dir nicht anders.
Erschwerend kommt hinzu, dass es verschiedene Arten von Geschäftsmodellen gibt, deren Tragfähigkeit von unterschiedlichen Annahmen, Kennzahlen, Belastungen und Risiken abhängt.
Das ist in der Tragwerksplanung auch nicht anders.
Eine One-Shot-Dienstleitung (ein Carport) ist kein Subscription-Model (eine Gartenlaube), und das ist kein SaaS-Vorhaben (eine Fabrikhalle). Hier gelten andere Abhängigkeiten und andere Schwachstellen. Teilweise auch andere Kennzahlen, andere Engpässe und andere typische Fehlstarts, die du früh erkennen musst, wenn du nicht blind bauen willst.
Sobald du die tragenden Bauteile isoliert und hinreichend genau beschrieben hast, hast du ein Tragfähigkeitsmodell. Das ist ganz konkret ein Arbeitsblatt, das die Komplexität deines Vorhabens auf die tragenden Bestandteile reduziert und deren Dimensionierung, Bauteil für Bauteil, präzise festhält.
Ein Tragfähigkeitsmodell ist nur eine standardisierte Beschreibung deines Vorhabens. Du willst aber nicht nur eine Beschreibung, sondern eine Beurteilung. Du willst wissen, ob das, was du dir vorgenommen hast, in der Realität funktionieren kann.
Dafür musst du Belastungen ansetzen, denen deine Annahmen standhalten müssen. Preis und Margendruck. Vertriebslast. Zeitlast. Typische Risiken. Nicht als vage Befürchtung, sondern als konkrete Lastfälle, die du durchspielst.
Das richtige Werkzeug dazu ist eine Prüfmatrix, die dir für jedes Bauteil sagt, welche Kriterien zählen und welche Schwellenwerte überhaupt Sinn ergeben. Wie hoch ist die Marge, nachdem alle echten Kosten drin sind? Wie lange dauert die Lieferung, wenn du sie jede Woche wiederholen musst? Wie sieht der Worst Case aus, wenn Nachfrage ausbleibt, Preise unter Druck geraten oder ein zentraler Kanal wegfällt?
Erst der Stresstest macht die Lage klar: Was trägt? Was wackelt? Was fehlt? Und was musst du ändern, wenn es tragen soll?
Einfach losmachen klingt heroisch und ist verführerisch. Vielleicht klappt es und du ziehst den Hauptgewinn. Die Chance dafür ist klein. Die Wahrscheinlichkeit, dass du eine Niete ziehst, ist hoch.
Und genau das ist der Punkt. Du willst hier nicht spielen. Du willst nicht hoffen, dass die Würfel gut fallen. Du willst wissen, ob das, was du vorhast, unter Belastung stehen bleibt, bevor du anfängst, Beton zu mischen.
Denke wie ein Tragwerksplaner.



